Die Elenden und La Misère

„Keinem Film wird es jemals gelingen, die tausend Ebenen und haarfeinen Verästelungen dieses Romans darzustellen, ohne Wesentliches auszulassen. Keinem Theater. Und keiner Oper. Zu viele Geschichten in einer Geschichte. Zu viele wichtige Botschaften. Zu viele große Gedanken. Zu viele Feinsinnigkeiten“, schreibt die Filmkritikerin Daphne Großmann über Victor Hugos „Die Elenden“. Und tatsächlich: Über 20 Verfilmungen, diverse Theateradaptionen und ein überaus erfolgreiches Musical vermögen es nicht, auf einer Augenhöhe mit Hugos Worten zu bestehen.

Auch das TAF nähert sich mit „La Misère“ diesem Gigant der Weltliteratur, der nach der Bibel zu den Veröffentlichungen mit den höchsten Auflagen in aller Welt zählt, mit der Einsicht, dass weniger hier mehr ist – und widmet sich den weiblichen Personen des Romans. Und auch das ist eine Herausforderung, da die Frauen bei Hugo nicht nur Beiwerk sind. Als Einzelpersonen und Gruppen bestimmen sie maßgeblich die Handlung rund um den ehemaligen Galeerensträfling Jean Valjean, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen Weg zurück in die Gesellschaft sucht.

Da die Geschichte im Kleide eines Liebes- und Abenteuerromans daherkommt, mit sehr ausgeprägten Typen arbeitet und die Zufälle sich auf sehr unrealistische Weise häufen, wird dem Werk oft sein „Kitsch“ und das Ausufernde vorgeworfen. Doch hinter der Rahmenhandlung verbirgt sich der politisch-ethische Roman, im dem Hugo die sozialen Missstände im Frankreich seiner Zeit anprangert. Dabei ist er alles andere als kitschig und beschönigt nichts. Gerade durch seine Übersteigerung beschreibt er schonungslos die Armut der Unterschichten und die Hässlichkeit, zu der Menschen fähig sind.

Trotzdem ist er vom Pessimismus weit entfernt. Seine Botschaft aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bleibt aktuell und stimmt hoffnungsfroh: Elend kann gelindert und behoben werden – es gibt eine zweite Chance und jedem Menschen wohnt eine Würde inne.